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Brauchen wir ein Vertriebenenzentrum?

Bundespräsident Horst Köhler hat sich bei seinem kürzlichen Polenbesuch für ein deutsches Vertriebenenzentrum stark gemacht.

Das ist verständlich, wenn man sich erinnert, wie 1944/45 die deutschsprachigen Bewohner Osteuropas und des Balkans, "Volksdeutsche" genannt, nach Westen strömten. Vom Reich als Fünfte Kolonne und als Hiwis vereinnahmt, fürchteten sie zurecht Schlimmstes von den kommunistischen Machthabern. Viele flohen aus eigenem Entschluss, andere wurden vertrieben.

Wir nahmen 1944 einige Rumänien-Flüchtlinge bei uns in Österreich auf, vor allem die Familie S. Vater S. hatte sich den Arm abgeschossen, um seine Waffen-SS-Tätowierung loszuwerden. Leute, die zwischen die Fronten geraten waren, und alles verloren hatten.

Andere, die wie Horst Köhlers Familie aus rumänisch-Bessarabien nach Polen umgesiedelt worden waren, flohen von dort nach Westen.

Kurz danach fand ich selbst mich in einem Viehwaggon repatriiert nach Deutschland. Meine zahlreiche Familie war aus Schlesien und der Provinz Posen geflohen; einige kamen auf dem Trek um — von Tieffliegern erschossen oder erfroren.

Tragödien, ohne Frage. Aber brauchen wir wirklich ein Vertriebenenzentrum? Cui bono? Wenn es nur um die Dokumentierung der Geschichte für künftige Generationen ginge, hätte ich keine Bedenken.

Aber Deutschland ist kein Land wie alle anderen. In diesem Lande gibt es eine kopfstarke rechtsextreme Minderheit, die darauf giert, ihre Zielsetzungen zu verwirklichen. Kürzliche Umfragen belegen, dass zwischen 12 Prozent (Berlin) und 24 Prozent (Brandenburg) der Erwachsenen rechtradikale Ansichten hegen.

Man hat sich daran gewöhnt, diese Minderheit zwar für potentiell kriminell (Gewalttätigkeit, Xenofobie) zu halten, sie politisch aber eher als ärgerlich, denn als gefährlich anzusehen. Ein halbes Jahrhundert lang kamen und gingen rechtsradikale Parteien und Gruppen, die sich in inneren Zwisten, Personalfehden und Durchstechereien regelmässig selbst zerstörten.

Wer aber sagt uns, dass dies so bleiben wird? Vor unserer Tür haben wir ein Beispiel, dass es auch anders laufen kann. Das Beispiel heisst Italien.

Zwar gab es bis vor kurzem nur eine neofaschistische Partei, den MSI. Unter Giorgio Almirante dümpelte sie dahin: mal war sie stark, mal war sie schwach. Aber sie blieb ausserhalb der Zentralregierung, und galt als nicht demokratiefähig, zumal sie mit etlichen blutigen Attentaten und amateurischen Umsturzversuchen in Zusammenhang gebracht wurde.

Dann starb Almirante, und Gianfranco Fini wurde sein Nachfolger. Er verpasste dem MSI einen neuen Namen, Alleanza Nazionale (AN), und stellte ein paar alte Radikalinskis kalt. Die Neofaschisten mutierten zu Postfaschisten. Heute ist die AN der zweitwichtigste Partner in Silvio Berlusconis Koalition. Fini ist Vizepremier und Aussenminister, und wird als möglicher Nachfolger von Berlusconi nach den Wahlen 2006 gehandelt. Dann wäre Italien full circle gegangen, von Mussolini zu Fini in sechzig Jahren.

Im Ausland realisiert man kaum, was das für Italien bedeutet. Seine Geschichte ist in den letzten Jahren neu geschrieben worden. Weg ist der alte Stolz auf die Partisanen, die 1943-45 Italiens Ehre retteten und deren Widerstand selbst der deutsche Wehrmachtsbericht mit Meldungen über die "Macchia" anerkennen musste.

Inzwischen sind die faschistischen "Helden" gleichberechtigt in den Olymp aufgerückt und Berlusconi selbst empfiehlt, beide Seiten gleichermassen zu ehren — Partisanen und Faschisten.

Was lehrt uns das in Deutschland? Es braucht nur einer zu kommen, der gut bürgerlich wirkt, Manieren, eine nette Familie und eine hübsche blonde Geliebte hat, und die Neonazis mit seinem Charisma und einer Portion Disziplin aus der Schmuddelecke herausführt. Einer, der das ungenutzte rechtsradikale Wählerpotential vor allem in Ost- und Norddeutschland voll erschliesst; der sich in Brüssel, Washington und vielleicht sogar Jerusalem lieb Kind macht.

Dann wird auch Deutschlands Geschichte neu geschrieben werden. Dann werden die Helden des Widerstands den Olymp mit den Helden des Postnazismus teilen müssen, Goerdeler und Stauffenberg neben Horst Wessel und Baldur von Schirach. Ein "Zentrum gegen Vertreibungen" kann leider helfen, Täter in Opfer umzustylen.

Dann werden die alten Fehler der demokratischen Regierungen doppelt wiegen, die Konzessionen, die sie kurzsichtig an die rechten Kreise machten. Warum, zum Beispiel heisst Ostdeutschland regierungsoffiziell "Mitteldeutschland"? Wird damit erklärt, dass es irgendwo noch ein Ostdeutschland gibt, das die Neonazis eines Tages einfordern könnten?

Warum spricht man heute, sechzig Jahre post factum, noch von "Vertriebenen"? Warum gibt es überhaupt noch Vertriebenenverbände? Nicht nur das: kürzlich konnte man in einem rechten Blättchen von einem Vertreter der "Litauendeutschen" lesen, der Forderungen an die Regierung von Litauen stellt. Die Balten in Litauen waren Litauer, nicht Deutsche, allenfalls "Volksdeutsche". Sind Deutschschweizer etwa auch "Volksdeutsche"? Oder die Amish in Pennsylvania?

All das kann eines Tages von erstarkten, salonfähigen Rechtsradikalen benutzt werden, um mit der Terminologie der fünfziger Jahre — des Gesamtdeutschen Blocks/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) unseligen Angedenkens — längst vergessene Ansprüche wieder zu erwecken und damit die so mühsam über Jahrzehnte errungene europäische Integration auszuhebeln.

All die bürgerlichen Politiker, die meinen, die Einwanderung bremsen und die deutsche Familie stärken zu müssen — speziell in Wahlzeiten — sollten rechte Zeitungen lesen und erkennen, wie sehr die Nationalradikalen von der Demografie besessen sind. Panische Furcht vor "Überfremdung" ist der Treibsatz ihrer Xenofobie. Könnten sie wie sie wollten, dann hätten sie einen Horst Köhler aus Bessarabien stammend, geboren in Polen, möglicherweise nicht ohne weiteres als Deutschen anerkannt.

Zur Zeit zittern die bürgerlichen Parteien vor der neuen Linksgruppierung. Aber die ist ein vergleichsweise harmloser Neuaufguss eines alten Tees. Sie stellt weder die Demokratie noch Europa ernstlich in Frage. Aber hinter dem Vorhang warten die Rechtsradikalen. Sie planen, die Zeit zurückzuspulen. Wollen wir ihnen dabei helfen?

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—— Heinrich von Loesch